DLZ Startseite DLV

Flut, Feuer Pest

60 Jahre dlz
29.05.2009 | 12:12

Katastrophen kriegen uns nicht klein

Schicksalschläge kommen unverhofft, quasi über Nacht. Sie stellen von einem Tag auf den anderen infrage, was sich Landwirte, teils über Generationen aufgebaut haben. Wen es knüppelhart trifft, liebäugelt dann schon einmal damit, alles aufzugeben. Wir haben Landwirte und ihre Familien besucht, die von BSE, Schweinepest, Brandkatastrophen oder Überschwemmungen gebeutelt wurden. Was sie auszeichnet: Sie haben nicht lange gezögert und sich mutig an den Wiederanfang gewagt. Wie Phoenix aus der Asche haben sie ihre Betriebe wieder ans Laufen gebracht.



Privat
Mit der Keulung ihres Schweinebestands mussten Ursula und Edmund Epper das tiefste Tief eines Tierhalters durchleben. Sie fingen trotzdem wieder von vorne an.
Solidarität der Kollegen
„Ich habe mir nicht vorstellen können, dass Stille so weh tut“, erinnert sich Ursula Epper. Kein Schnauben, kein Scheuern, kein Quieken – Totenstille herrschte auf dem Hof am Rande der Gemeinde Sülm in der Eifel, als das Betriebsleiterehepaar mit den vier Kindern und den Großeltern zurückkam – nach dem Keulen. Weglaufen löst kein Problem, dessen waren sich alle sicher, aber in diesem Fall war Weggehen die einzige angemessene Reaktion auf den endgültigen Keulungsbescheid. Damit hatte Familie Epper es schwarz auf weiß, dass auch ihre Schweine nicht überleben durften. „Obwohl alle Untersuchungsergebnisse negativ waren“, ergänzt Edmund Epper die Erinnerungen seiner Frau an den wohl schwärzesten Tag auf dem Hof, seit er 1982 eingeheiratet hatte.

2001 fegte die Pest durch das Land und wenn wir ehrlich sind, fegt sie immer noch. In Gebieten mit intensiver Schweinehaltung, wie rund um Bitburg in der Eifel, bleibt die ständige Sorge der Betriebsleiter, dass sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wieder in Verdacht geraten. Denn mehr war es auch bei dem Betrieb Epper nicht. Die Lage des Hofs in der roten Sperrzone reichte aus, um der Schweinehaltung hier das Licht abzudrehen. Tags zuvor machten Gerüchte von diversen Probenahmen auf dem Bauernmarkt in Bitburg die Runde. Einen Tag später war daraus schon gnadenlose Wirklichkeit geworden. Besonders für den Ort Sülm, denn der war gleich gesperrt, weil in zwei Schweine haltenden Betrieben der Pesterreger nachgewiesen wurde. Die Bestände dort wurden sofort gekeult. In den folgenden Tagen starben die Schweine der umliegenden Höfe. Bis die Keule den Betrieb Epper erreichte, vergingen vier weitere Tage. Tage des Bangens und auch der kleinen Hoffnung. Hoffnung auf die Möglichkeit, den 700 m großen Abstand zum infizierten Bestand mit Auflagen wie ständige Blutuntersuchungen, auf die geforderten 1000 Meter vergrößern zu können. Doch vergebens. Jedes Schwein, das im Umkreis von 1000 m um den Ausbruchbetrieb lebte, wurde getötet. Egal, ob infiziert oder nicht. Brutal empfand die 48-jährige Hauswirtschaftsmeisterin das, denn: „Mit einem kranken Bestand und sichtbaren Merkmalen kann der Verstand umgehen. Wenn die Tiere dagegen gesund sind, ist das sehr schwer zu verstehen.“

Negative Testergebnisse
Erst kam die polizeiliche Anordnung und einen Tag später erschien die Keulungsmannschaft schon. Es war kein Trost, als die Schweinehalter erfuhren, dass auch die Blutproben, die während des Keulens genommen wurden, negativ waren.

Verabschiedet man sich am Abend vorher von seinen Tieren? „Wie denn? Sollten wir, kalt berechnend, den ferkelnden und säugenden Sauen die Wärmelampen oder die Fußbodenheizung abstellen? Das kann keiner. Wir sind auch morgens noch mal in den Stall, der voller gesunder Schweine war – das war hart.“ Getroffen hat das Ehepaar auch die reichlich unsensible Aufforderung, mit dem Hoftrac die toten Tiere aufzuladen. Das ging eindeutig zu weit. „Mein Mann ist so lange geblieben, bis seine Hilfe nicht mehr notwendig war. Ich bin mit den Kindern und Großeltern schon vorher weggefahren.“ Der Hof war abgesperrt und die Tiere wurden vor Ort getötet und auch gleich entsorgt.

Positive Folgeereignisse
In allem Unglück liegt auch etwas positives, dessen ist sich die Familie Epper heute bewusst und berichten von der beeindruckenden Solidarität der Berufskollegen, der Dorfgemeinschaft und auch von Seiten der Behörden. „Alle packten mit an, um so schnell wie möglich den Betrieb wieder ans Laufen zu bringen und den Alltag wirken zu lassen.“

Hilfe kam von vielen Seiten: von Freunden, Bekannten und besonders der örtlichen Feuerwehr. Die Mitglieder haben sich auf die betroffenen Betriebe verteilt und kräftig mit angepackt, um Desinfektion und Säuberung schnell in Gang zu bringen. Erleichtert wurden diese Arbeiten auf dem Betrieb Epper dadurch, dass Gülle oder Mist nicht betroffen waren.

Auch jetzt gab es kein positives Untersuchungsergebnis und die Nachkontrollen in der Leerphase blieben ebenfalls negativ.

Ab dem 15. Oktober 2001 war der Betrieb gesperrt, bis zum 18. November 2001 herrschte Leerstand und am 7. Dezember 2001 wurden dann wieder Jungsauen aufgestallt.

Wobei die Ersatzbeschaffung ein weiteres unvorhergesehenes Problem darstellte. „Der alte DL-Sauenbestand war aus der Nachzucht remontiert,“ erklärt Edmund Epper. „Das geschlossene System mit nur dem nötigsten Zukauf klappte bis zur Keulung gut.“ Danach gab es nicht genügend Betriebe, die Material liefern konnten, um 120 DL-Sauen gleich zu ersetzen. Nach Beratung mit der Vermarktungsgemeinschaft schwenkte der Betrieb auf Tiere aus dem Bundeshybridzuchtprogramm um und erhielt nach und nach Sauenmaterial. Aber: „Ein Start nur mit Jungsauen ist nicht so einfach, weil erfahrene Muttersauen fehlen, die den erstferkelnden Sauen ein gutes Vorbild sind.“

Die Pest mit der Pest
Doch damit nicht genug: Das Schicksal hatte für den Betrieb Epper noch einmal bange Stunden vorgesehen. Im Dezember wurden die ersten Sauen geliefert und im Januar des Folgejahrs wurde der Betrieb erneut gesperrt. Die Sperrung bis zum 24. März begründete sich mit der Lage im Sperrbezirk, der Lage im Beobachtungsgebiet und als Kontaktbetrieb durch den Tierarzt. „Wir durchlebten so alle Stadien eines Seuchenfalls. Die Folge war, dass wir den Bestand nicht in dem Rythmus aufbauen konnten, wie geplant.“

Nicht nur deshalb dauerte es ungefähr ein Jahr, bis die ersten Schweine an den Metzger verkauft werden konnten. Zwischenzeitlich suchten sich die Abnehmer natürlich andere Mäster. Bei einem liefern Eppers nicht mehr alleine Mastschweine. „Einen Metzger haben wir ganz verloren, weil der die Angst der Kunden fürchtete und argumentierte, dass die Kunden, wenn sie bei ihm ein Auto mit Bitburger Kennzeichen sähen, kein Fleisch mehr kaufen würden.“

Da ist auch etwas dran, denn zu den Vorsichtsmaßnahmen gehört jetzt, dass alle Transporte von und auf den Hof selbst durchgeführt werden. Andere Einrichtungen waren schon vor der Schweinepest Standard, wie der Zaun um das gesamte Hofgelände und Schutzkleidungspflicht bei Stallbetritt.

Bis der Bestand sortiert, ausgelesen und den gewohnten Produktionsrythmus hatte, gingen noch einmal etwa zweieinhalb Jahre ins Land, schätzt das Ehepaar Epper.

Trotz der durchweg positiven Erfahrungen mit den amtlichen Stellen, wie Tierseuchenkasse, und auch mit der privaten Tierversicherung ist das eine lange Durststrecke, die die Schweineerzeuger erst hinter sich bringen mussten. „Positiv ist uns die Hilfsbereitschaft durch die unbürokratische Erledigung und die unkomplizierte Entschädigung in Erinnerung geblieben. Es wurde mit Zunahme der Fälle natürlich komplizierter und auch bürokratischer“, erläutert Ursula Epper. „Entschädigt wird der Bestand, der am Tag X auf dem Betrieb ist. Das reicht aber nicht, bis die Produktion wieder richtig läuft.“

Trotzdem zuversichtlich in die Zukunft
„Unser Sohn will unbedingt Landwirt werden und den Betrieb weiterführen“, darauf sind die Eltern stolz. Das ist aber nicht allein der Grund, weshalb sie im Jahr 2005 einen neuen Ferkelaufzuchtstall mit 700 Plätzen nach den Richtlinien einer besonders tiergerechten Haltung bauten und ein Jahr später den Deck- und Wartebereich entsprechend der vorgeschriebenen EU-Richtlinie umgestalteten.

Es beantwortet eigentlich schon die Frage, ob der Betriebszweig Schweinehaltung nach den Erfahrungen mit der Schweinepest und der doch immer noch anhaltenden Bedrohung nicht schon mal diskutiert wurde. Das „Nein“ kommt ohne Zögern und wie aus einem Mund erklären beide: „Ein Schweinebauer bleibt ein Schweinebauer.“
 

Ihr Kommentar

Die Kommentarfunktion ist vorübergehend nicht verfügbar.

Kommentare

Besuchen Sie auch die landlive-Gruppe



60 Jahre dlz

Videos


Small Video Player
Community Landwirtschaft
Landlive Community Landwirtschaft Darüber wird gerade im Forum diskutiert:
Landwirtschaft
10 jähriger Junge vermisst
08.09.2010 10:39 Uhr
Landwirtschaft
Büro im Schlepper
08.09.2010 09:51 Uhr
Landwirtschaft
Rübenernte 2010
08.09.2010 09:49 Uhr