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Hofübergabe ohne Zoff

60 Jahre dlz
29.05.2009 | 12:45

Übergeben ohne Zoff

Auf jedem Betrieb steht er an. Er kann unter einem guten, aber auch unter einem schlechten Stern stehen. Konfliktbehaftet ist er allemal: der Generationenwechsel. Die großen Knackpunkte in vielen Fällen sind die Wertschätzung der Beteiligten und die Art miteinander (nicht) zu reden.

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Die Übergabe ist kein Abschied, aber für manche Übergeber ein schmerzlicher Einschnitt.
Manchmal wird die Übergabe zum Horror, so für Matthias und Nadine M. Bei ihnen hat sie fast zur Scheidung geführt. Die Geschichte erzählt außerdem von zerstochenen Reifen, verendeten Tieren und Besuchen vom Jugendamt.

Matthias übernahm den Betrieb mit 25 ha und 35 Milchkühen im Jahr 2001 von den Großeltern. Der heute 33-Jährige wuchs bei Oma und Opa auf und es war früh klar, dass er den Betrieb weiterführen würde. Sein Vater, von Beruf Metzger, und auch seine beiden Schwestern kamen als Nachfolger nicht in Frage. Das Unglück begann, als 2004 seine heutige Frau Nadine auf den Hof kam. Für die Großeltern war es schwer, eine andere Frau auf dem Betrieb zu akzeptieren. „Die Oma wollte mich wieder vertreiben“, sagt die 25-Jährige.
 
Für die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation war rasch klar, dass sie voll auf dem Betrieb mithelfen würde. „Es gibt Matthias nur mit Hof, und da lasse ich ihn nicht hängen.“ Auslöser für den Konflikt ist aus Sicht des jungen Paars die Eifersucht darüber, dass eine junge Frau – noch dazu nicht aus der Landwirtschaft stammend – im Betrieb mitbestimmen sollte. Neid und Unverständnis führten immer wieder zu heftigen Streits: Ein abendlicher Besuch im Restaurant oder freie Tage kannten die Großeltern nicht. Sie versuchten immer wieder, einen Keil zwischen Matthias und seine Freundin zu treiben. Auch noch, als Anfang 2008 die gemeinsame Tochter zur Welt kam. „Die Großmutter erzählte den Nachbarn, dass ich unsere Tochter misshandle, wenn die Kleine nachts geschrien hat“, erinnert sich Nadine. Die beiden hatten keinerlei Hilfen mehr, weil ihnen plötzlich auch die Nachbarn aus dem Weg gegangen sind. Matthias musste rund 100 000 Euro in Maschinen und Stalltechnik investieren, um den Betrieb ohne die Altenteiler weiterführen zu können. In den letzten Jahren häuften sich Schäden, die auf offensichtliche Manipulationen zurückzuführen waren. Der junge Landwirt vermutet den Großvater hinter zerstochenen Reifen, durchgeschnittenen Dieselleitungen und unter seltsamen Umständen verendeten Tieren. Heute schließt das Betriebsleiterpaar alle Hallen ab.
 
Matthias war lange Zeit zerrissen zwischen den Großeltern und seiner Frau: „Ich wusste nicht mehr, wem ich glauben sollte.“ Das frisch verheiratete Paar stand kurz vor der Trennung. Im vergangenen Jahr hat die junge Familie bereits nach einem Pächter für den Betrieb gesucht, sich kurz vor der Übergabe aber doch für den eigenen Hof entschieden. „Letztlich hat meine Schwester vermittelt“, erläutert Mathias den Schritt. Aus heutiger Sicht hätte er den Hof nicht übernommen, auch wenn es heute sein Lebenswerk sei, wie er betont. Warum ist das so schief gegangen? Der Übernehmer sieht zwei Gründe: „Da eine Generation übersprungen wurde, mangelte es durch den großen zeitlichen Abstand an gegenseitigem Verständnis“, vermutet er. Einen weiteren Punkt sieht er im gemeinsamen Wohnhaus. „Es fehlte uns ein Bauplatz und das nötige Geld. Daher wohnen wir in einem Haus.“ Heute sind die Wohnbereiche getrennt – man geht sich aus dem Weg und spricht nicht mehr miteinander. „Ich kann jedem nur abraten, es so zu machen“, meint der 33-jährige Landwirt aus heutiger Sicht. „Es funktioniert einfach nicht, wenn man aufeinandersitzt.“

Privat
Michael Wehinger: „Gegenseitiges Wertschätzen und miteinander reden sind entscheidend für eine erfolgreiche Übergabe.”
Hofübergabe ist konfliktbehaftet

Jede Hofübergabe beinhaltet einen strukturellen Generationenkonflikt, meint Michael Wehinger. Der Leiter der landwirtschaftlichen Familienberatung im katholischen Landvolk in Stuttgart kennt diese Situationen, in denen sich die Familienmitglieder in einem ganzen Wust an Beziehungsgeflechten verheddern. Hier griffen auch die Hilfsangebote der Familienberatung. „Wir versuchen die einzelnen Fäden eines solchen Bündels in ihrer Komplexität aufzunehmen und helfen dabei, diese zu entwirren. Außerdem ist es wichtig, dass alle Beteiligten ihre unterschiedlichen Perspektiven benennen, diese gegenseitig wahrnehmen und Verständnis füreinander entwickeln.“

Wo liegen die größten Probleme? „Die Strukturen auf den Betrieben sind häufig hierarchisch aufgebaut, wobei in der Regel der Vater als Betriebsleiter an erster Stelle steht. Nicht selten sind jedoch die Mütter die geheimen Betriebsleiterinnen. Wird der Betrieb auf den Nachkommen übertragen, dann wechselt die Betriebsleitung. Die familiäre Hierarchie bleibt jedoch bestehen. Werden diese beiden Ebenen nicht klar auseinander gehalten, entstehen Verwirrung und Konflikte“, meint Wehinger. Die räumliche Nähe mache es nicht leichter. Es kommt auch vor, dass bei der Übergabe alte Konflikte wieder nach oben kommen: „Da spielt dann die Weitergabe des Betriebs vom Großvater auf den Vater auf einmal wieder eine Rolle. Und je nachdem, wie es damals abgelaufen ist, kann das in den aktuellen Prozess dramatisch hineinspielen“, erläutert der Experte.

Für viele Übergeber sei es schwierig, ihre neue Rolle im betrieblichen Alltag zu finden, wenn der Betrieb übergeben worden sei. „Jeder Rentner macht die Erfahrung, dass mit der Arbeit unter anderem ein Stück Identität, Sicherheit und Lebensrhythmus wegfällt. Auf dem Hof geht man nicht in Rente. Man arbeitet weiter und bleibt vor allem in der vertrauten Struktur. Übergeber müssen aber ihre Führungsrolle abgeben und ihren neuen Platz finden. „Das birgt Konfliktpotenzial“, sagt Wehinger.

Wichtig sei aber auch, dass sich die Übergeber bewusst werden, was das Abgeben in ihnen auslöst, meint Angelika Sigel. „Verantwortung übertragen ist auch ein innerer Prozess. Viele erfasst das Gefühl, alles abzugeben und hinterher nicht mehr gefragt zu sein“, erläutert die Beraterin von der Landwirtschaftlichen Familienberatung im Evangelischen Bauernwerk aus Waldenburg-Hohebuch. Es gehe um den Prozess des Loslassens. Am schlimmsten seien die Konflikte in Betrieben, wo die Übergabe lange dauert. „Je älter die Betriebsleiter werden, desto schwieriger wird das Übergeben. Und dann werden häufig Gründe vorgeschoben, warum eine Übergabe noch nicht stattfinden kann – entweder, weil der Nachfolger keine Ehefrau hat oder wenn vorhanden, man ihr die Mitverantwortung nicht zutraut“, ist die Erfahrung der Familienberaterin. In solchen Fällen bliebe dem Hofnachfolger häufig nichts anderes übrig, als den Übergebern auf den „Füßen zu stehen“ und sie vor die Wahl zu stellen, entweder jetzt oder nie. Meist sei dann Hilfe von außen notwendig, die dabei hilft, den Prozess zu moderieren.

Berater Wehinger sieht eine weitere Ursache als Keim für Konflikte: „Eltern wollen bei der Übergabe gerecht sein. Dann heißt es zu den Kindern: Setzt Euch doch zusammen und besprecht, wie ihr alles regeln wollt. Das sei zwar gut gemeint, aber keinesfalls gut gemacht. Denn bei einer Betriebsübergabe geht es nicht um Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit, sondern um Interessenausgleich, ohne dabei die Existenz des Hofs aufs Spiel zu setzen. Die Verantwortung für die Übergaberegelung liegt in erster Linie bei den Übergebern.”

Auch die Altenteiler selbst nehmen sich häufig bei der Höhe der Austragsleistungen zurück. Dabei müssten sich Hofübergeber erst einmal fragen, was sie künftig wirklich brauchen und welche Ziele sie noch verwirklichen wollen. „Die Austragsleistung bedeutet für die Altenteiler auch Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Darüber sind sich viele nicht bewusst und stecken bei den Verhandlungen eher zurück“, ist die Erfahrung von Wehinger. Kommt es dann zu Konflikten, ist das dann häufig ein Thema, an dem der Streit entbrennt.

Die großen Themen, um die alles kreist, seien gegenseitige Wertschätzung und die Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern. Auf vielen Höfen sei es so, dass die weichenden Erben schon deshalb mehr geschätzt würden, weil sie nur ab und an zu Besuch kommen, ihr Sonntagsgesicht zeigen und wieder gehen. Übernehmer und Übergeber müssen aber auch den schwierigen Alltag miteinander leben. Viele Konflikte entständen aus der Macht, die der Hof ausübt. „Der Hof steht über allem und frisst die individuellen Wünsche auf. Das entspringt einer verwurzelten aber auch zähen Kultur, die in der Vergangenheit die Sicherheit des Hofs und damit die Existenz aller festigte, aber wenig Platz für Individualität lässt. Die heutige Generation von Betriebsleitern legt jedoch mehr Wert auf eigene Bedürfnisse und individuelle Entfaltung außerhalb des Betriebs. Das ist erst einmal eine gute Entwicklung“, sagt der Leiter der landwirtschaftlichen Familienberatung.

Auch Mathias und Nadine M. konzentrieren sich jetzt vor allem auf ihre Bedürfnisse. Und wie soll es im Streit mit den Großeltern weitergehen? „Warten, bis sie sterben“, lautet die kurze Antwort. (mp/ks)
 
 
Mehr Informationen zu Beratungsstellen der Landwirtschaftlichen Familienberatung finden Sie im Internet unter www.landwirtschaftliche-familienberatung.de. Hier sind Beratungsstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgeführt. Die meisten Beratungsstellen bieten Hofübergabeseminare an.
 
 
Dieser Beitrag ist in der Jubiläums-dlz 6/2009 erschienen.

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Kommentare

Förderungen und Beratungen für Menschen 2. Klasse Hallo, hier was zum diskutieren: Wir sind erfahrene, waren motivierte Landwirte. Mein Mann und ich haben mehr als ein Konzept erarbeitet. Ich bin eine junge Frau. Das heißt nicht, dass ich verblendet und romantisch einen Pony-Hof aufmachen will. Nein, wir wollen einen Milchviehbetrieb pachten und "groß aufziehen". Ja, in Krisenzeiten eine Herausforderung. Problem: Alles sieht top aus. Nachdem ich mich zu einigen Leuten durchkämpfen konnte, alles kein Problem. ABER LEIDER SIND WIR KEINE ERBEN: wir haben keine Sicherheiten und stammen nicht aus der Landwirtschaft. Im 21. Jahrhundert und bei aller Demokratie, fernab von Milchpreisdiskussionen und Vorurteilen, fühle ich mich unmündig und behandelt wie ein Mensch 2. Klasse. Ich darf für andere melken und arbeiten, auch wenn deren Befehle die eigene Unfähigkeit unterstreichen. Aber wehe ich komme der feinen "Agrargesellschaft" zu Nahe!!! Schon in der Berufsschule hatten die "Hofnachfolger" = Kronprinzen die größte Klappe, im meisten Fall ohne Ahnung zu haben. Ich habe die Schnauze gehörig voll! Ihr habt mich so weit: Ich gebe auf!! Nach drei Jahren gebe ich auf!!!!!!!! Beerbt euch doch selbst! Aber jammert ja nicht mehr über schlechte Preise!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Sabrina, 13.08.2009, 17.42 h
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